Wenn "Stricknadel" zur "streknadel" wird
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Die Autorin Ina
Sellin ist seit kurzem Mitarbeiterin an der Professur für Differentielle
Psychologie und Diagnostik und stellt hier ihre Diplomarbeit vor. Foto: privat |
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Lucas ist ein netter, aufgeweckter Junge. Er geht in die 2. Klasse und ist eigentlich ein guter Schüler, aber das Lesen und das Schreiben macht ihm Mühe. Trotz zusätzlichem Förderunterricht in der Schule und Üben mit den Eltern, macht Lucas nur selten und mühsam Fortschritte. Inzwischen mag er schon gar nicht mehr so gerne in die Schule gehen und wird immer häufiger trotzig und nörgelt bei den häuslichen Übungsstunden. So oder ähnlich geht es vielen Kindern. Etwa zwei bis acht Prozent der Schulkinder leiden unter so massiven Lese- und/oder Rechtschreibproblemen, dass man von einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) oder Legas-thenie spricht. Es sind etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen betroffen. Eine LRS ist eine Störung der Lernfähigkeit allein im Bereich der Schriftsprache. Kinder mit einer LRS haben eine durchschnittliche Intelligenz und meist auch keine Schwierigkeiten in den anderen Schulfächern, wie zum Beispiel im Mathematikunterricht. Nachdem Eltern oder Lehrer die Schwierigkeiten bemerkt haben, sollte eine genauere Untersuchung der spezifischen Probleme in schulpsychologischen Beratungsstellen durch Diplom-Psychologen erfolgen. Mit der Frage, wie eine solche Untersuchung ablaufen sollte, beschäftigte sich Dipl.-Psych. Ina Sellin, jetzt Mitarbeiterin an der Professur für Differentielle Psychologie und Diagnostik (Prof. Dr. Astrid Schütz), in ihrer Diplomarbeit. Um die Diagnose Lese-Rechtschreibschwäche vergeben zu können, müssen verschiedene Hypothesen und Alternativhypothesen auf ihre Gültigkeit geprüft werden. Eine unterdurchschnittliche Lese- und Rechtschreibfähigkeit bei durchschnittlichen intellektuellen Fähigkeiten, das heißt spezifische Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben trotz ausreichender Lernfähigkeiten, weist auf eine LRS hin. Lese- und Rechtschreibprobleme gibt es aber auch beim Bestehen anderer Störungen. Mögliche Alternative zum Vorliegen einer LRS die Lernbehinderung, die sich in verringerten Leistungsmöglichkeiten in allen schulischen Bereichen zeigt. Auch massive Seh- oder Hörfunktionsstörungen (z.B. nicht erkannte Fehlsichtigkeiten) können Störungen des Lese- und Schreiblernens hervorrufen. Eine unzureichende Beschulung, wie zahlreiche Fehlstunden in der ersten Klasse wegen Krankheiten, Ängste vor der Schule oder geringe Lernbereitschaft (motivationale und emotionale Probleme), sowie außergewöhnliche Belastungen im sozialen und familiären Umfeld der Kinder (wie belastende Ehestreitigkeiten der Eltern, unzulängliche Wohnverhältnisse) können zu Problemen beim Schreiben und Lesen führen. Eine Auflistung der verschiedenen Hypothesen und ihre therapeutischen Implikationen finden sich in der Tabelle. Neben der Formulierung der Hypothesen und Alternativhypothesen enthält die Arbeit auch Hinweise zur Datenerhebung und Datenintegration, um die Hypothesen und Alternativhypothesen prüfen, bestätigen oder verwerfen zu können. Zu den Ursachen der LRS gibt es unterschiedliche Hypothesen und Ergebnisse, wobei bei fast jedem Kind eine multikausale Entstehungsgeschichte angenommen werden kann. Häufig findet man Hinweise auf Teilleistungsstörungen im Bereich der auditiven oder visuellen Wahrnehmung, sowie auf Sprachentwicklungsverzögerungen. Lucas hat zum Beispiel Schwierigkeiten Laute akustisch zu unterscheiden und den jeweiligen Buchstaben dem Gehörten zuzuordnen. Aus den jeweils vorliegenden individuellen ursächlichen, aber auch den aktuell begleitenden und aufrechterhaltenden Bedingungen der LRS ergeben sich spezifisch zugeschnittene Lese-Rechtschreibtrainings. In Deutschland ist es für die betroffenen Kinder zur Zeit besonders schwierig Hilfe zu finden. Wenn bei einigen Kindern die schulischen Fördermaßnahmen wie LRS-Klassen oder Förderunterricht nicht ausreichen, müssen deren Eltern Lese-Rechtschreibtrainings bei speziell ausgebildeten Legasthenietherapeuten finanziell selbst tragen. Erst nach einem Gutachten durch Psychologen, die neben der LRS auch eine drohende seelische Behinderung (vorhandene oder drohende Schulangst, aggressives Verhalten, Einnässen, psychosomatische Symptome - Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen in Leistungssituationen) feststellen, wird die LRS-Therapie und die oft notwendige begleitende Psychotherapie vom Jugendamt bezahlt. Dipl.-Psych. Ina Sellin Professur Differentielle Psychologie und Diagnostik |
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Typische Rechtschreibfehler
eines Kindes mit Lese-Rechtschreibschwäche Grafik: Karla Bauer |
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Hypothesen, Alternativhypothesen,
therapeutische Maßnahmen bei unterschiedlichen Gründen für Lese-Rechtschreibprobleme.
Grafik: Karla Bauer |