Gute Nachbarn - schlechte Nachbarn

Begegnungsseminar untersuchte Verständigungsprobleme in deutsch-tschechischer Grenzregion

(MSt) Im Zusammenleben von Völkern ist es nicht anders als im Privatleben: Glücklich ist, wer gute Beziehungen zu seinen Nachbarn hat. Ständiger Streit hingegen kann zu einer Belastung werden. Solcher Zwist entsteht oft aus dem simplen Grund, da&sz lig; man zu wenig voneinander weiß. Das ist zwischen Nachbarländern nicht anders als zwischen Frau Müller und Frau Meier von nebenan. Und um die Beziehungen zwischen zwei Staaten ging es auch bei einem Begegnungsseminar in der Wolfgang-Natonek-Akade mie in Kottenheide. Im März trafen sich dort Experten und Interessenten, um sich über das Leben in der Grenzregion zwischen der Tschechischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland auszutauschen. "Es ist besonders wichtig, diese Grenze nicht als Tren nlinie, sondern als Chance für gute Nachbarschaft wahrzunehmen", so die Initiatorin des Seminars Prof. Dr. Elke Mehnert von der TU Chemnitz.

Einkaufstourismus und völkerrechtliche Kunststücke

Unter den Seminar-Referenten waren auch zwei, die sich mit dem Leben im Grenzgebiet recht gut auskennen - nämlich die Geographen Prof. Dr. Peter Jurczek von der Chemnitzer Uni sowie Dr. Jaroslav Dokoupil von der Westböhmischen Uni Pilsen. Mit Unterstützu ng ihrer Studenten hatten sie insgesamt 1.100 Personen beiderseits der Grenze befragt. Dabei kam einiges ans Tageslicht: Hauptgrund für gegenseitige Besuche ist der Tourismus, doch zunehmend rückt der "preiswerte Einkauf" im Nachbarland für den Sachsen in den Vordergrund. Prof. Jurczek erwähnte aber auch die besorgniserregende Überalterung der Bevölkerung im Grenzgebiet, das Problem der "verlängerten Werkbänke" in Richtung Tschechien und die hohe personelle Fluktuation in den tschechischen Behörden: "Stän dig wechselnde Ansprechpartner erschweren die Zusammenarbeit." Dr. Dokoupil erwähnte die Sprachproblematik: Kaum ein Sachse könne Tschechisch. Dafür sei der Anteil der Böhmen, die Deutsch sprechen, noch relativ hoch.

BILDDas Haus am Ahorn in Kottenheide, in dem die Wolfgang-Natonek-Akademie ihren Sitz hat, war auch der Tagungsort für das Begegnungsseminar

Daß aber auch auf zwischenstaatlicher Ebene nicht alles so rosig ist, wie es sein sollte, zeigte Marta Peroutkova von der Friedrich-Naumann-Stiftung Prag auf: Sie bezeichnete die deutsch-tschechischen Erklärungen der Vergangenheit als "völkerrechtli che Kunststücke", die strittige Fragen nicht lösen, sondern nur einen Kompromiß darstellen.

Grenzenlose Künste

Für mehr Versöhnung sorgen da schon Literatur und Musik. Das machten die Beiträge der Chemnitzer Professoren Elke Mehnert und Helmut Loos deutlich, auch wenn mancher Kritiker in der Vergangenheit beispielsweise über die tschechische Musik etwas überheblic h geurteilt hat. Des Lobes voll über die Gastfreundschaft der Tschechen waren da eher die deutschen Schriftsteller, die während des Zweiten Weltkrieges in Prag im Exil lebten. Einheit pur gab es zur abendlichen Tandem-Lesung von Utz Rachowski aus Reichenbach/Berlin und Zdenek Schmid aus Karlovy Vary. Beide Schriftsteller zeigten, daß Literatur Grenzen zu überspringen vermag - nur müßten noch mehr Bücher der beiden Schriftsteller in der Sprache des jeweils anderen Landes erscheinen.

Zusammenrücken ist gefragt

In der Podiumsdiskussion am Abschlußtag brachte es Heinrich Giegold, früherer Herausgeber und Chef- redakteur der Frankenpost in Hof, gleich auf den Punkt: "Die Aussagen der Politiker in Bonn zur Zusammenarbeit an der deutsch-tschechischen Grenze sind weit von der Realität entfernt." Wichtiger für die Beziehungen zwischen den beiden Staaten sei die Kenntnis darüber, was die Bürger diesseits und jenseits der Grenze interessiert. Dazu ge- höre auch, daß man die steigende Arbeitslosigkeit und die zuneh- mende Radikalisierung der Jugend sehr ernst nehme. Stephan Altensleben, der sieben Jahre in Chemnitz auf dem Stuhl des Regierungspräsidenten saß, kennt aus eigener Erfahrung die Zusammenarbeit der Tschechen und der Deutschen. Die seit Jahren zwischen sächsischen und tschechischen Kom- munen bestehenden Partnerschaften müssen aus Sicht von Altensleben intensiviert werden. Gleiches gelte für die Hochschulen: Insbesondere die Universitäten und Fachhochschulen Südwestsachsens sollen enger zusammenrücken und auf die Politik mehr Druck ausüb en, um so wichtige Partnerschaftsveranstaltungen einfacher finanzieren zu können. Der ehemalige Chemnitzer Regierungspräsident regte darüber hinaus an, im grenznahen Raum auf sächsischer Seite die Preise in den Geschäften in Kronen auszupreisen und in Theatern ein Laufband mit der tschechischen Übersetzung der aufgeführten Stücke einzu führen.

Hochexplosive Euroregion

Dr. Gabi Troeger-Weiß, Geschäftsführerin der EUREGIO EGRENSIS Arbeitsgemeinschaft Bayern, stellte die EUREGIO EGRENSIS, eine der 120 Euroregionen in Europa, kurz vor: Auf einer Fläche von fast 17.000 Quadratkilometern leben in dieser Region, die sic h aus Teilen Oberfrankens, Thüringens, Sachsens und Böhmens zusammensetzt, etwa zwei Millionen Menschen. Troeger-Weiß informierte im Anschluß über einige Probleme: Neben den bekannten Sprachbarrieren existieren die meisten Hürden in den Kommun en. Viele Politiker hätten noch immer nicht erkannt, wie wichtig grenzüberschrei-tende Kontakte seien. So gebe es beispielsweise ein Projekt, das arbeitslose Deutsche gezielt für Tätigkeiten auf dem tschechischen Markt heranführen soll. Dafür werden drei Millionen Mark zur Verfügung gestellt. In einem anderen Modellprojekt werden für zwölf Heilbäder und Kurorte im Dreiländereck Bayern-Sachsen-Böhmen ein grenzüberschreitendes Management und Marketing entwickelt. In dieser Region existiert übrigens die weltweit größte Dichte an Heilbädern, was die besondere Stellung dieses Projektes unterstreicht. Wolfgang Lederer, Geschäftsführer der EUREGIO EGRENSIS Arbeitsgemeinschaft Vogtland/Westerzgebirge, bezeichnete diese Region als "hochexplosiven Raum", in dem zahlreiche Rückschläge die Euphorie der Anfangsjahre deutlich gebremst hätten. Hinzu komme, da&s zlig; viele Millionen Mark an Fördermitteln der Europäischen Union nicht genutzt werden können. Grund: Die mit Finanzproblemen kämpfenden Kommunen der Erzgebirgsregion können nicht den zehnprozentigen Eigen-anteil für die Finanzierung grenz- überschreitender Projekte absichern. Dennoch flossen bzw. fließen in der Zeit von 1995 bis 1999 etwa 280 Millionen Mark in die EUREGIO EGRENSIS. Verwendet wird das Geld in mehr als 40 Projekten, etwa für den Aufbau von Abwasser- und Kläranlagen.

BILDProf. Dr. Elke Mehnert im Gespräch mit Utz Rachowski während der Tandem-Lesung

Als ein großes Problem auf der tschechischen Seite bezeichnete Lederer die Prostitution und den Menschenhandel. Beides sei nur schwer in den Griff zu bekommen. Als besonders wichtig führte er den Schüleraustausch zwischen Böhmen und Sachsen an, auch um Vorurteile und Mißverständnisse zwischen den Menschen beider Seiten abzubauen. Lederer erinnete sich an eine Schülerin aus Sokolov, die nach ihrem Gastschul aufenthalt in Deutschland einschätzte: "Ich habe gelernt, daß nicht alle Deutschen reich und arrogant sind."

Wandern über Grenzen

Dr. Gerd Kramer, Geschäftsführer des Fremdenverkehrsverbandes Vogtland, beklagte die "stark aus- gedünnte Infrastruktur" in dieser Region. Es gebe noch zu wenige Gaststätten, Herbergen und Wanderwege. Deshalb plädierte er für die Entwicklung eines "sanften Tourismus" und den Ausbau der touristischen Kontakte über die Grenze hinweg. Derzeit ist ein Fü hrer zum "Wandern über Grenzen" in Vorbereitung und der Verkehrsring der Bahn von Plauen über Marktredwitz - Karlovy Vary - Johanngeorgenstadt - Zwickau nach Plauen sei als Projekt für die Weltausstellung "Expo 2000" in Hannover bestätigt. Kritisch äußerte sich Kramer zu der Wortschöpfung "EUREGIO EGRENSIS", mit der Touristen nichts anzufangen wissen. Der Fremdenverkehrs- experte empfahl deshalb, über einen neuen Namen nachzudenken.

Bürokratische Tiefschläge in Klingenthal

Frank Zimmer, stellvertretender Bürgermeister aus Klingenthal, zeigte am Beispiel der Sprachausbildung, vor welchen Problemen seine Kommune steht: Für 120 Mark im Monat hatte eine Lehrerin aus Tschechien in einer Klingenthaler Kindertagesstätte mit der Sp rachausbildung begonnen. Die Resonanz sei groß gewesen. Da die Stadt seit 1996 keinen bestätigten Haushalt mehr habe, sei die Weiterbeschäftigung der Lehrerin derzeit nicht möglich. Außerdem müsse vor Erteilung einer Arbeits- erlaubnis erst ein Monat Arbeitsmarktforschung betrieben werden, ob jemand aus dem Vogtland auch diesen Job erledigen könne. Trotz dieser bürokratischen Tiefschläge hält Zimmer noch an der Vision eines Eurogymnasiums in Klingenthal fest, auch wenn die Weichen im sächsischen Kultusministerium in eine andere Richtung weisen.

"Bilanz der Versönungsdeklaration nach einem Jahr seit ihrer Unterzeichnung ... vernichtend"
(Dt. Tagessp., 23.1.1998)
"Den Deutschen fehlt Toleranz"
(Süddt. Zeitung, 15.7.1995)
"Deutschland ist unsere Inspiration wie unser Schmerz..."
(Havel, Zitat in FAZ, 17.7.1995)
"Für viele Tschechen Ausweisung eine gerechte Vergeltung"
(Pfortzheimer Zeitung, 11. 12.1996)
"Versöhnung durch Wahrheit": Die Sudetendeutschen und die Tschechen sind besser als ihr Ruf"
(Zwickauer Tageblatt, 1.2.1995)
Können Sie Tschechisch? "Nein" sagen 92,2 Prozent der Sachsen im Grenzgebiet.
(Jurczek-Studie 1997)
"Die Bevölkerung in Böhmen will nur Geld, nicht aber die deutschen Besucher."
(Jurczek-Studie 1997)

Foto: Steinebach

Foto: Rothe


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HTML-Version von Ralph Meyer, 25. Juni 1998