Wo Geist und Geld zusammenkommen, ist gut Leben

Der Wirtschaftsgeograph Prof. Peter Jurczek hat herausgefunden, welche Vorteiledie TU Chemnitz der Region Südwestsachsen bringt

BILDMit rund 200 Millionen Mark trägt die Chemnitzer Uni zur Kaufkraft der Region bei - sowohl direkt als auch durch die Ausgaben der Professoren, Studenten und sonstigen Mitarbeiter. Denn die lassen zusätzlich noch Geld für Miete, Lebensmittel, Kleidung, Bücher oder den Kino- bzw. Kneipenbesuch in der Stadt. Damit sorgen sie mittelbar für weitere Arbeitsplätze. Und nicht nur das: Sie machen die TU zu einem geistigen Zentrum ersten Ranges, dessen Ausstrahlung weit über die deutschen Grenzen hinausreicht.

(IS) Wie ein Motor sorgt die Chemnitzer Uni für Antrieb in der Region Südwestsachsen: Als Lehr- und Forschungseinrichtung bestimmt sie das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben der Stadt Chemnitz und der gesamten Region Südwestsachsen. Das bestätigt die kürzlich veröffentlichte Regionalstudie der Universität, die die Professur Sozial- und Wirtschaftsgeographie im Auftrag des Kuratoriums der TU erstellt hat. Die Ergebnisse sind im Heft 32 in der von Prof. Jurczek herausgegebenen Schriftenreihe "Beiträge zur Kommunal- und Regionalentwicklung" erschienen.

Eine gute Adresse für nah und fern

Sowohl Studenten als auch Mitarbeiter der Uni wurden während der Untersuchungen befragt. Das Ergebnis zeigt, daß die TU vor allem Studenten aus Chemnitz und der näheren Umgebung, wie etwa aus den Landkreisen Freiberg, Mittweida oder Annaberg, anzieht. So machten allein 72 Prozent von ihnen das Abitur in Südwestsachsen. Daß sich die Studenten für die Chemnitzer Uni entschieden, liegt, neben der Nähe zum Heimatort, an dem großen Fächerangebot und deren vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten. Leider kommen von den 5.429 Studenten (Stand: Wintersemester 1997/98) nur vier Prozent aus dem Ausland. Das will die Universität bald ändern: Mit neuen, in Deutschland einmaligen Studiengängen wie Mikrotechnik/ Mechatronik, soll die Hochschule sowohl für ausländische Studenten als auch für junge Leute aus den alten Bundesländern attraktiver werden. Was die Fächerwahl der Studenten betrifft, so sind die Wirtschaftswis- senschaften und die Angebote der Philosophischen Fakultät besonders gefragt. Zwei Drittel aller Studenten entschieden sich dafür. Aber auch im Bereich der Informatik können sich die Studentenzahlen sehen lassen. So zählte die Fakultät 1997 mehr als 700 Studenten.

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Pluspunkte für Stadt und Uni

Die Uni selbst schnitt im Studentenurteil sehr gut ab: So lobten die Studierenden etwa die gute Betreuung durch die Lehrenden. Und auch die Qualität des Studiums und die Wohnmöglichkeiten erhielten Pluspunkte. Ähnlich sahen es die Beschäftigten der Universität: Ein angenehmes Arbeitsklima und die gute Labor- und Raumausstattung nannten sie an erster Stelle. Was das Image der Stadt betrifft, so schätzen die Mitarbeiter besonders das Kulturangebot. Und die Studenten mögen die überschaubare Größe von Chemnitz und seine vielen Park- und Grünanlagen.

Millionen für Chemnitz

Für die Region ist die Chemnitzer Uni, einer der größten Arbeitgeber in Südwestsachsen, für einen stabilen Arbeitsmarkt besonders wichtig. Dies wird daran deutlich, daß knapp die Hälfte der Angestellten bereits vor ihrer Tätigkeit an der Universität in Chemnitz gearbeitet hat. Und für fast fünf Prozent der Beschäftigten beendete die Anstellung an der Hochschule die Arbeitslosigkeit. Die Uni verbessert die Chancen für Berufs-anfänger, da sie entsprechende Ar-beitsplätze bereitstellt. So ist für mehr als ein Drittel der Mitarbeiter die Tätigkeit an der Universität die erste nach der Ausbildung. Doch die Uni wirkt noch weitaus intensiver auf den regionalen Arbeitsmarkt ein. Sie schafft nicht nur Ar-beitsplätze in den eigenen Reihen, rund tausend weitere Stellen sind ebenfalls von ihr abhängig. Der Grund: Jährlich fließen 200 Millionen Mark Umsatz der TU, aber auch der Studenten und Mitarbeiter in die regionale Wirtschaft. So bleiben etwa rund ein Viertel der Sachausgaben der Universität, das waren 1996 mehr als 22 Millionen Mark, in Chemnitz und Umgebung und wirken so direkt auf die regionale Wirtschaft. Doch auch die Ausgaben der Studenten und Angestellten spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Allein die Chemnitzer Gastronomie verdient an ihnen pro Jahr drei Millionen Mark. Und rund 16 Millionen Mark geben die Studierenden und Beschäftigten für Lebensmittel aus. Besonders aber profitiert die Wohnungswirtschaft der Stadt mit 25 Millionen Mark im Jahr. Und da zwei Drittel der Mitarbeiter in der Stadt Chemnitz wohnen, verstärkt dies nicht nur die Nachfrage nach städtischem Wohnraum, sondern etwa auch nach Kindergärten und Schulen. Somit belebt die Chemnitzer Uni direkt und indirekt den Arbeitsmarkt in der Region.

Frischer Wind für die Wirtschaft

Die Unternehmen der Region haben längst erkannt, daß eine Zu-sammenarbeit mit der TU Chemnitz ihnen im wirtschaftlichen Wettbewerb durchaus Vorteile verschaffen kann. Jedoch könnten sie das vorhandene wissenschaftliche Potential der Uni weitaus mehr ausschöpfen: Da kürzere Produktlebenszeit, der rasante technische Fortschritt und die internationale Verflechtung den Wettbewerb zunehmend härter machen, brauchen die Firmen Mitarbeiter, die mit dem neuesten Stand der Technik vertraut sind. Doch vor allem den kleinen und mittleren Unternehmen in der Region fehlt es in der Regel an geeigneten Fachleuten. Und für die Forschung haben sie oft nicht genügend Geld. "Hier könnten Firmen und sonstige Einrichtungen die Leistungsfähigkeit der Universität im Bereich der Forschung viel intensiver nutzen", meint Projektleiter Professor Dr. Peter Jurczek. Firmen brauchen mehr denn je kreative Ideen, die sie dann in marktfähige Produkte oder Dienstleistungen umsetzen können. Auch hier ist die Uni ein geeigneter Ort, um dafür Vorarbeit zu leisten: Durch zahlreiche veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten, 1996 waren es 1.500, und durch die von der Universität organisierten wissenschaftlichen Veranstaltungen wird das vorhandene Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und besonders durch das Anpassen der Studienfächer an die Nachfrage in der Region wird eine Basis für die gemeinsame Arbeit der Unternehmen mit der Universität geschaffen. So etwa mit dem Chemnitzer Modell, wo man naturwissenschaftlich-technische Fächer mit geisteswissenschaftlichen Fächern verknüpft hat. Ein weiteres Beispiel für die enge Zusammenarbeit ist die Gemeinschaftsinitiative Wissenstransfer: Unternehmen können im Internet Praktikums- und Diplomandenstellen sowie Themen für Abschlußarbeiten anbieten. Die Studenten haben so die Möglichkeit, praxisorientierte Diplomarbeiten zu schreiben, welche die Firmen dann weiter verwenden können. Die Industrie- und Handelskammer erklärte die Resonanz auf diese Initiative als gut. Bereits in dem einen Jahr Probelaufzeit kam es zu 140 solcher Projekte zwischen den Firmen und den Studenten.

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Studium für Karriere im Ausland

Das so im Studium erworbene theoretische und praktische Wissen setzen die Absolventen der Chem- nitzer Uni dann in die Tat um: So gründeten sie in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmen. Diese sogenannten Spin-off-Gründun-gen beleben die Wirtschaft in Südwestsachsen zusätzlich und schafften außerdem 500 dauerhafte Arbeitsplätze. Doch nicht alle Chemnitzer Absolventen bleiben nach ihrem Studium in Chemnitz und Umgebung. Nur ein Fünftel von ihnen entscheidet sich für Chemnitz. Erstaunlich ist, wie man in der Studie feststellte, daß sich rund 20 Prozent der Studenten einen Job im Ausland suchen wollen.


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HTML-Version von Ralph Meyer, 22. Oktober 1998