Mit Toleranz zur europäischen Identität



Sachsen am Vorabend der Osterweiterung - Beziehungen zu Polen haben eine lange Geschichte



 Der Historiker und Professor für Regionalgeschichte Sachsens, Dr. Reiner Groß, auf dem Gelände der TU Chemnitz.
Foto: Ulf Dahl


Sie kehren nie wieder zurück. Ihre Gebeine liegen auf dem alten katholischen Friedhof in der Dresdner Fried-richstraße. "Das sind Emigranten", erklärt der Chemnitzer Historiker Reiner Groß. Sie kamen unter anderem nach Sachsen, weil sie im eigenen Land um ihr Leben fürchten mussten. Und Sachsen nahm die Flüchtlinge gerne auf. Mehr noch: Während in Polen die Waffen sprachen, "wurde in Dresden öffentlich für einen Sieg der Polen gebetet." Es war die Zeit zwischen 1830 und 1863, als die Polen gegen die Fremdherrschaft der Russen, Preußen und Österreicher aufbegehrten. Die Aufstände wurden niedergeschlagen, mehrere tausend Unabhängigkeitskämpfer konnten sich in den Westen retten.
Die Polen hatten stets eine besondere Beziehung zu den Sachsen. Kein Wunder: beide Länder waren im 18. Jahrhundert über sechs Jahrzehnte miteinander vereint, zusammengehalten durch das sächsische Adelsgeschlecht der Wettiner. "Die Sachsenzeit wurde in Polen keineswegs negativ gesehen", erzählt Groß, was natürlich auch daran liege, dass die Kö-nigs-krone nicht gewaltsam sondern auf Wunsch der Polen den Sachsen zugesprochen wurde. Die Union, so Groß, habe die europäische Kultur nach Polen gebracht: "Die Union bedeutete für die Polen die Öffnung nach Westen."
Nun steht Polen wieder vor der europäischen Tür. Der Beitritt zur Europäischen Union steht unmittelbar bevor. Doch dieses Mal erwarten die Sachsen keine Emigranten, sondern Menschen, die auf Arbeitssuche sind. Nicht jedem läuft ein freudiger Schauer über den Rücken, wenn er daran denkt: Die polnischen Billiglohnkräfte könnten ja den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Denn das EU-Recht garantiert allen Bürgern der Union Freizügigkeit. Das bedeutet, jeder darf an jedem Ort der Union arbeiten.

Polen am europäischen Tor

Gar nicht weit vom alten katholischen Friedhof in der Friedrichstraße liegt am Rande der Altstadt der Sächsische Landtag. An diesem Abend treffen sich aber keine Parlamentarier zu einer Debatte, sondern der Johann-Amos-Comenius-Club lädt ein. Hauptredner des von der CDU-Landtagsfraktion veranstalteten Abends ist ein heimatverbundener Weltmann, der sich in Politik und Wirtschaft gleichermaßen gut auskennt. Lothar Späth, einst Ministerpräsident in Baden-Württemberg und heute Vorstandsvorsitzender der erfolgreichen Jenoptik AG soll über Chancen und Risiken der Osterweiterung der EU sprechen.
Späth warnt davor, die wirtschaftlichen Aspekte allzu sehr in den Vordergrund der Betrachtungen zu stellen. "Die Frage Europas lässt sich nicht mit der Wirtschaftsunion beantworten. Die kommt sowieso, ob mit oder ohne Politik. Wir können nur wählen, ob wir die Menschen zu uns reinlassen oder die Fabriken rausgehen." In der Integration Polens sieht Späth also keineswegs eine wirtschaftliche Pflichtaufgabe, sondern eine kulturelle. Statt Amerika zu bewundern und zugleich dessen Vorherrschaft zu beklagen, müssten die Europäer - unter Einschluss Mittelosteuropas - "lernen, ihre Vielfältigkeit in ein eigenes kulturell-politisches Modell einzubringen", schreibt Späth in seinem Buch "Die Stunde der Politik". Doch braucht Identität auch Abgrenzung. So meint Späth, dass seine Vorstellungen von einem eigenständigen Kulturraum die Aufnahme der Türkei - aber auch Russlands - ausschließe. Ähnliches muss zuvor der sächsische CDU-Vorsitzende Fritz Hähle gedacht haben, als er in einer Einführungsrede das christliche Symbol des Kreuzes als "Hoffnungszeichen des vereinten Europas" bezeichnete.

Toleranz als Identitätsstifter

Soll sich Europa also für eine gemeinsame Identität ans Kreuz klammern? Die tatsächliche Entwicklung läuft eher in die umgekehrte Richtung. Das Christentum spielt keine allzu bedeutsame Rolle in Mittel- und Osteuropa. Gleichzeitig verliert die Religion im Süden und Westen an Einfluss. Vielleicht konkretisiert Späth deshalb seinen Kulturbegriff nicht weiter. Einen Grundpfeiler betont er schon: die Toleranz innerhalb des europäischen Kulturraumes und, nach außen, gegenüber anderen Kulturen und Regionen. Und damit findet er sich schon fast wieder in der Zeit der sächsisch-polnischen Union: "Es bedarf der Erwähnung", schreibt der Chemnitzer Historiker Reiner Groß in seinem Buch "Geschichte Sachsens", "dass Friedrich Augusts Verhältnis insbesondere gegenüber den Religionen im Lande von Toleranz gekennzeichnet war."
So ließ der Sachsenkönig die Ansiedlung der Gemeinschaft der Böhmischen Brüder zu, die im eigenen Land verfolgt wurden. Zu dieser Kirche gehörte übrigens auch jener Mann, der der Veranstaltung im Dresdner Landtag den Namen gab: Comenius, ein Pädagoge, der im 17. Jahrhundert wirkte und den der Dreißig-jährige Krieg durch halb Europa scheuchte. Der sächsische Kurfürst, von Haus aus Protestant, konvertierte übrigens zum katholischen Glauben. Allerdings nicht aus Überzeugung, sondern aus machtpolitischen Gründen. Der polnische Adel hatte den Wechsel als Voraussetzung für den Erhalt der Königskrone von ihm verlangt. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Johannes Fischer, Freie Presse



Reiner Groß, Geschichte Sachsens,
Edition Leipzig, Berlin 2001,
320 Seiten, 240 Abbildungen, 5 Karten,
68 Mark
ISBN 3-361-00505-1


 | Inhalt |

Impressum


HTML-Version von Enrico Peuschel, 04. Oktober 2001